KONSUMENT.AT - Lebensmittel: Ökobilanz im Vergleich - Überraschungssieger: Eingeschweißte Gurken

Lebensmittel: Ökobilanz im Vergleich

Mit oder ohne Verpackung?

Seite 1 von 1

KONSUMENT 5/2020 veröffentlicht: 30.04.2020, aktualisiert: 05.05.2020

Inhalt

In Kunststoff-Folie ein­geschweißte Gurken haben laut einer aktuellen Studie eine bessere Öko­bilanz als unverpackte Ware.

Obst und Gemüse mittels Laser kennzeichnen

Eine ­Leserin machte vor einigen Monaten eine Betriebsführung bei einem Gurkenbauern in Wien Simmering. Dort schimpfte der Landwirt über „Natural Branding“. Bei ­diesem neuen Kennzeichnungsverfahren werden die Schalen von Obst und Gemüse mit einem Laser „tätowiert“. Dadurch kann z.B. auf die Deklaration von Bio-Produkten mittels Kunststoff-Folie und/oder Sticker verzichtet werden.

Zweimaliger Transport nötig

Die Leserin erfuhr, dass die Gurken früher direkt nach einem Tag in den Handel gelangten. Fürs Natural Branding würden die Gurken nun aber zuerst ins Burgenland verfrachtet, wo die Laser-Anlage stehe. Das Gemüse müsse also zwei Mal transportiert werden und komme noch dazu erst zwei Tage später in den Handel, was sich auf die Frische der Ware auswirke. Das kann doch nicht wirklich nachhaltig sein, mutmaßte die Leserin – und wandte sich an uns.

Die Ökobilanz

Verpackungsmüll wird durch das Natural Branding vermieden. Aber wiegt das die längeren Transportwege auf? Und welchen Einfluss hat die Kunststoff-Folie auf die Haltbarkeit der Gurken? Im Branchenforschungsprojekt „Stop Waste – Save Food“ ging ein Expertenteam von BOKU, Denk­statt und OFI (Österreichisches Forschungsinstitut für Chemie und Technik) der Frage nach, welche Auswirkung Verpackungen auf die Ökobilanz von Lebensmitteln haben, u.a. bei Gurken.

Unverpackte Ware verdirbt schneller

Das Ergebnis überrascht: In Kunststoff-Folie eingeschweißte Gurken haben eine bessere Ökobilanz als unverpackte Ware. Der Faktor Transport hat eine vergleichsweise geringe Auswirkung, seine Relevanz in Ökobilanzen wird oftmals überschätzt. Hauptgrund des schlechteren ­Abschneidens von unverpackten Gurken ist, dass sie deutlich schneller verderben. Beispiel Minigurken (auch die wurden in der Studie untersucht): Bei einer idealen Lagertemperatur von 8°C liegt die Haltbarkeit unverpackt bei 6 Tagen, optimal verpackt bei 23 Tagen.

Lebensmittelabfälle vermeiden, reduziert Klimafußabdruck 

Hinsichtlich der Abfallraten von Salat­gurken im Handel hat das Forscherteam herausgefunden, dass der Umweltnutzen durch die Abfallreduktion drei- bis viermal höher ist als der Umweltschaden durch die Verpackung. Lebensmittel sind wertvoll. Sie wegzuwerfen, wiegt nicht nur moralisch, sondern auch aus Klimasicht schwer. Ein Drittel aller Lebensmittel wird nicht konsumiert, die in der Produktion eingesetzten Ressourcen waren also „umsonst“ – deren Klimaeffekte bleiben aber natür- lich voll wirksam. Daraus folgt, dass die Vermeidung von Lebensmittelabfällen ­unseren Klimafußabdruck um bis zu zehn Prozent reduzieren kann.

Wichtiger Produktschutz

Generell gilt laut Studie: Bei Lebensmitteln mit hohem Produktionsaufwand (allen ­voran Fleisch und Milchprodukte) zahlt sich der Produktschutz besonders aus. Gutes oder schlechtes Verpackungsmaterial per se gibt es dabei nicht. Notwendige Ver­packungsfunktionen und geringe Umwelt­effekte sollen bei der Materialwahl in Einklang gebracht werden.

Zurück zur Eingangsfrage: Schlussfolgert man aus den Ergebnissen der Studie, macht Natural Branding bei Gurken wohl wenig Sinn. Insbesondere bei denjenigen, die erst aus dem Ausland zu uns transportiert werden müssen. Generalisieren kann man aber nicht. Bei vielen anderen Produkten ist ­Natural Branding eine sinnvolle Alternative zu Verpackungen.

Den Leitfaden finden Sie auf www.ecoplus.at/media.

Bewertung

Wertung: 5 von 5 Sternen
4 Stimmen