KONSUMENT.AT - Bekleidungsindustrie im Ethik-Test - Belastung für Mensch und Umwelt

Bekleidungsindustrie im Ethik-Test

Keine weißen Westen

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Konsument 9/2007 veröffentlicht: 21.08.2007

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Hohe Belastungen für Mensch und Umwelt

Auch im Hinblick auf die Umwelt steht nicht alles zum Besten. Für Baumwolle werden riesige Mengen von Schädlingsbekämpfungsmitteln benötigt, mehr als für jedes andere Agrarprodukt. 16 Prozent der weltweit verwendeten Insektizide werden in der Baumwollproduktion eingesetzt. Das hat nicht nur auf die Umwelt Auswirkungen, sondern mehr noch auf die Baumwollpflücker. Bis zu 3 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeiter weltweit leiden unter Vergiftungen, die von Insektiziden herrühren; in absoluten Zahlen sind das fast 80 Millionen Menschen.

Darüber hinaus benötigt Baumwolle Unmengen von Wasser. Für 1 kg Baumwollfaser werden zwischen 7000 und 29.000 Liter Wasser verschwendet. Der hohe Wasserverbrauch hat unter anderem zur Austrocknung des Aralsees in Zentralasien geführt.

Aber auch nachgelagerte Produktionsstufen verwenden große Mengen an schädlichen Chemikalien: Formaldehyde und perfluorierte Chemikalien zur Oberflächenbehandlung der Stoffe, krebserregende Farbstoffe (wie Anilin) und Schwermetalle zum Färben der Stoffe, aromatische Lösemittel, flüchtige organische Verbindungen, bioakkumulative Substanzen, PVC usw.

Alternativen zur Baumwolle?

Dabei gäbe es durchaus Alternativen zur Verwendung von Baumwolle. Nicht Polyamid oder Polyester sind damit gemeint, denn laut einer Lebenszyklusanalyse der Cambridge Universität sind Naturfasern alles in allem umweltfreundlicher als synthetische Fasern. Als besonders nachhaltig gilt Hanf, aber auch Bambus oder Leinen.

Will der Konsument ökologisch und sozial bewusst kaufen, könnte er auf Produkte, die in als besonders kritisch eingeschätzten Ländern hergestellt wurden, verzichten; oder er wählt biologische bzw. fair gehandelte Kleidung. Das kann er aber nicht wirklich, weil es nur ein minimales Angebot an Kleidung mit einem Bio- oder Fairtrade-Zeichen gibt. Nicht einmal die Kennzeichnung der Herkunft ist selbstverständlich (siehe in der Tabelle die Angaben zur Markterhebung bzw. Gruppenurteil Produktpolitik).

Druck auf Lieferanten

Generell haben wenigstens einige Markenhersteller erkannt, dass man sich sozial und ökologisch engagieren muss. Doch die hochtrabenden Grundsätze sozialer Verantwortung stehen in scharfem Gegensatz zur Praxis der Branche, die Lieferzeiten zu verkürzen, Risiken auf die Lieferanten abzuwälzen und die Preise zu drücken. Die Zulieferbetriebe geben den Druck an ihre Arbeiter weiter, die Einhaltung sozialer Mindeststandards wird auf diese Weise verunmöglicht. Die Folge davon, so wird unter der Hand berichtet: Die Lieferanten fälschen

Dokumente und legen den Kontrolloren geschönte Aufzeichnungen vor. Ein Fabrikmanager in Shenzen, China, bringt es auf den Punkt: „Ich kenne die Machtverhältnisse zwischen der Einkaufsabteilung und der für soziale Verantwortung zuständigen Stelle meines Auftraggebers gut genug, um zu wissen, wer wirklich das Sagen hat.“ Soll heißen: Die Lieferbedingungen werden strikt eingehalten, bei den sozialen Auflagen wird nichts so heiß gegessen … Eine substanzielle Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist nur möglich, wenn das Problem an der Wurzel bekämpft wird, und das ist die rigide Einkaufspolitik der Konzerne.

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