KONSUMENT.AT - Lebensdauer von Produkten - Interview mit einem Händler: „Ein Drittel schmeiße ich gleich weg“

Lebensdauer von Produkten

Geplante Obsoleszenz

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KONSUMENT 2/2013 veröffentlicht: 24.01.2013, aktualisiert: 23.02.2017

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Interview mit einem Händler: „Ein Drittel schmeiße ich gleich weg“

KONSUMENT hat einen Händler gefunden, der sich in die Karten blicken lässt. Bernhard C. (Name von der Redaktion geändert), im Import und Verkauf von elektronischen Waren tätig, erklärt, warum der Handel oft lieber den Kaufpreis retourniert, statt defekte Geräte zur Reparatur oder zum Austausch zu übernehmen – und damit der geplanten Obsoleszenz Vorschub leistet.

Ein Elektronikhändler gab KONSUMENT ein Interrview, will aber anonym bleiben  

KONSUMENT: Einer unserer Leser berichtet davon, einen Zwetschken-Dörrer im Wert von rund 30 Euro bei Hofer erstanden zu haben, der nach kurzer Zeit nicht mehr funktionierte. Bei Reklamation wurde dieser weder ausgetauscht noch die Reparatur angeboten. Vielmehr wurde der Kaufpreis – anstandslos – retourniert. Damit hat er Hofer eigentlich einen kostenlosen Kredit gewährt, und er steht letztendlich ohne Gerät da. Wie kann das sein?
Bernhard C.: Konkret kann ich diesen Fall natürlich nicht beurteilen. Generell gibt es dafür aber zwei Gründe: Es ist kein Austauschgerät mehr auf Lager und/oder es kommt einfach billiger, den Kaufpreis zurückzuerstatten.

Bei Rückerstattung geht doch dem Unternehmen der Umsatz verloren, oder?
Schon. Aber nicht gemachter Umsatz ist besser als gemachter Verlust. Der kann schnell entstehen, wenn man als Händler Reklamationen gegenüber seinem Lieferanten in Fernost geltend machen muss, wo Produkte dieser Preisklasse meist herkommen.

Das verstehen wir jetzt nicht so ganz …
Weil Sie möglicherweise die Marktgegebenheiten nicht so ganz kennen. Wenn man etwa ein niedrigpreisiges Produkt dieser Klasse „Made in China“ kauft, kann man es hier zum zehnfachen Einkaufspreis verkaufen. Als Einkäufer zahle ich also für den 30-Euro-Artikel umgerechnet 3 Euro. Das ist eine komfortable Spanne, die viel Raum für „Kulanz“ lässt.

… und das hat mit dem Handling von Reklamationen zu tun?
Selbstverständlich. Bevor ich ein Produkt zurück nach China schicke, tausche ich es lieber neunmal selber aus. Das ist immer noch billiger als die Retournierung zu Reparatur oder Austausch, für die ja auch endlose Zollformalitäten nötig sind und deren Transportkosten oft ein Vielfaches des Einkaufswertes der Ware ausmachen. Bei den von mir importierten Waren entspräche ein Warenwert von 3 Euro etwa einem Rücksendungsaufwand von 40 bis 60 Euro. Also tausche ich lieber ohne zu fragen aus.

… und wenn Sie keine Ware zum Austausch eines defekten Produkts mehr lagernd haben?
Spätestens dann mache ich es so wie der Händler in Ihrer Leser-Beschwerde: Geld zurück. Meist biete ich das aber gleich an, das macht am wenigsten Aufwand.

Was passiert dann mit den retournierten Geräten?
Die werden entsorgt.

Sie sprechen immer von Waren "Made in China“. Diese machen aber laut Statistik Austria nur 4,9 Prozent der Importe aus.
Kann schon sein. Aber schauen Sie sich mal an, was auf dem Herkunftsschild von Ihrem Handy, TV, CD-Player und vielen Waren des täglichen Gebrauchs steht. Die Importstatistik verschleiert hier mehr, als sie erklärt, da der Bezug dieser Waren oft über Drittländer geschieht. Das Herkunftsland ist ein ganz anderes. Und dieses steht halt meist für einen niedrigen Preis und oft mindere Qualität.

Dennoch verkaufen Sie Produkte dieser Herkunft?
Ja, aber ich prüfe sie, bevor sie in den Verkauf gehen. Und ein Drittel schmeiße ich von vornherein weg. Um möglichst keine Reklamationen zu haben.

Und was sagt der Verbraucher dazu?
Da hat mich noch keiner gefragt, woher das Teil kommt. Hauptsache, der Preis stimmt. Im Elektronikbereich hat es auch noch keine Katastrophen in Produktionsfirmen gegeben wie in der Textilbranche, wo Dutzende Arbeiterinnen ums Leben gekommen sind. Das interessiert den Konsumenten aber ohnehin nicht nachhaltig. Wenn er für ein T-Shirt 5 Euro zahlt, glaubt er, ein Schnäppchen gemacht zu haben, egal ob das von Kindern produziert wurde oder nicht, egal unter welchen Bedingungen.

Herr C., meinen Sie, dass Ihre Erfahrungen auf den gesamten Handel zu übertragen sind?
Nein. Weil ich als vergleichsweise kleiner Händler per Karton ordere, die großen Handelsketten hingegen per Container. Die haben also noch weit größere Spannen als ich. Was mich 3 Euro kostet, kostet für die 1 Euro. Aber das von Ihnen angesprochene Problem des Umgangs mit Reklamationen und mit Retouren bleibt gleich, denke ich.

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Kommentare

  • Kunden wollen das so ...
    von geos am 25.02.2017 um 10:17
    Kunden wollen das so. Wirklich? Würde die Wirtschaft das ehrlich meinen, dann würde man in den Geschäften nicht nur den ("Billig"-)Ramsch bekommen, sondern neben dem Gerät mit dem Billigchip/Plastikzahnrad/etc. müsste auch das Gerät mit dem guten haltbaren Chip/Metallzahnrad/haltbaren Bauteilen stehen. Die paar Euro Preisdifferenz (zwischen den billigen und den haltbaren Bauteilen) würden wohl die Meisten gern zahlen. (Zgonc-Verkäufer (sinngemäß): Wenn wir gute Produkte auch anbieten kauft niemand den Ramsch). Somit wäre die einzige Prodestmöglichkeit gar nicht kaufen. Argument Arbeitsplätze erhalten? Wenn alle so agieren führt das nur dazu, dass wir ALLE öfter kaufen müssen - wir erhalten uns unsere Arbeitsplätze selber, den Gewinn streichen die Unternehmer/Konzerne ein.
  • Geplante Obsoleszenz, geplante Inkompatibilität gepaart mit inhaltsloser aber stimulierender Werbung
    von good vibrations am 24.09.2016 um 16:29
    ...bringt uns um mehr als zwei Wochen arbeitsfreie Zeit und müllt den Planeten zu, bereichert aber hauptsächlich die Großkonzerne.Für die ist ein Produkt überhaupt nur ein Kostenträger, ansonsten ohne Verantwortung und nicht für unsere Bedürfnisse hergestellt. Geplante Obsoleszenz gibt es in den USA flächendeckend seit ende der 50-er und ist Grundlage der globalen Wirtschaft. Dies und einiges weiteres in einem erhellenden Vortrag von Prof Christian Kreiß: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=61165
  • Geschirrspüler AEG um 700 Euro Schrott
    von jue5761 am 26.12.2014 um 21:23
    Nach 2 Jahren und 3 Monaten ist die Wanne durchgerostet. Garantie ist vor 3 Monaten abgelaufen. Für mich ein Totalschaden.
  • GRUNDIG Radiowecker Sonoclock 690
    von walterbasch am 15.07.2014 um 13:24
    Kurz nach Ablauf der Garantie bei meinem GRUNDIG Radiowecker Sonoclock 690 war plötzlich der Senderspeicher weg und die Zeitanzeige blinkte trotz neuer Stützbatterie. Meine Bitte um Kulanzreparatur wurde von Grundig mit "Diese Geraete sind irreparabel.....tut uns leid..." beantwortet. Nach gründlicher Recherche im Internet konnte ich unzählige Betroffene finden, bei denen das gleiche Gerät mit identischem Fehler kurz nach Ablauf der Garantie unbrauchbar wurde. Ich liess nicht locker und fand heraus, wie das Gerät mit geringstem Aufwand von wenigen Cent zu reparieren ist. Die Anleitung für den Austausch des zu schwachen SMD-Transistors Q110 gegen einen gängigen PNP-Transistor habe ich bei den Amazon-Kundenrezensionen gepostet und inzwischen etliche Zuschriften auf briwal@gmx.at über erfolgreiche Reparaturen aus Österreich und Deutschland erhalten. Auf Anfrage werden die erforderlichen Unterlagen (Mainboard-Stromlauf- und Bestückungsplan) gern kostenlos per Mail übermittelt. Mir ist unverständlich, warum GRUNDIG wegen weniger Cent hunderte Kunden verärgert
  • Lebensdauer Drucker HP 7510 e: genau eine Garantie lang !
    von peter20 am 27.02.2014 um 22:33
    Ich habe diesen Drucker am 24.01.2012 installiert. Der Drucker ist an und für sich sehr gut und erfüllte alle meine Erwartungen, aber genau am 08.01.2014 war lt. Help-Funktionen der Druckerkopf kaputt (druckte nur Farbflächen, aber keine Druckzeichen). Habe den Druckkopf ausgetauscht, dann funktionierte der Drucker wieder bis zum 27.02.1014. Jetzt ist der gleiche Fehler wieder da. Mir scheint jeder weitere Versuch zur Reparatur sinnlos.