KONSUMENT.AT - Schattenarbeit: Leser berichten - Bankfilialen: Kunde nicht willkommen

Schattenarbeit: Leser berichten

Gestohlene Zeit

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KONSUMENT 5/2016 veröffentlicht: 28.04.2016, aktualisiert: 24.11.2016

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Restlos belagert von ratlosen Kunden

Ich begann 1963 zu arbeiten und bekam mein Gehalt durch eine Bankbeamtin im Chefzimmer bar in einem Säckchen. Eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir doch ein Girokonto eröffnen sollten. "Es kostet Sie keinen Groschen, Dauer-, Einziehungs- und Abschöpfungsaufträge, Überweisungen - alles gratis." "Bezahlen können Sie bargeldlos mit Scheck, sie haben jederzeit Geld in der Tasche" ... Es dauerte nicht lange, musste man für 25 Scheckvordrucke bezahlen, ich glaube vier Schilling. Gebühren für alles Mögliche wurden eingeführt, dafür die Leistungen der Bank gekürzt. Seinerzeit ging ich mit einem Päckchen Überweisungen zur Filiale, legte es auf den Tisch und ersuchte, diese durchzuführen (auch ein Valutatag konnte angegeben werden). Der Kunde hatte nichts mehr damit zu tun. Man konnte auch einen "Sammler" ausfüllen (da begann schon das "Outsourcing"!), was heute nicht möglich ist. Man muss Überweisung für Überweisung in eine Maschine stopfen, die wohl eine "Fertigmeldung" ausgibt aber endlos braucht, um das nächste Formular anzunehmen.

Unsere Filiale hatte zwei Kassen und drei Beratertische; die wurden auf Stehpulte umgerüstet. Vor einigen Wochen wurde ein Kassenterminal abgebaut und die Beratungsstände auf einen reduziert. Letztlich habe ich vierzehn Personen vor der einzigen Kassa gezählt, alle Terminals (Kontoauszugdrucker, Überweisungsterminals, Bankomat - ja sogar der Einzahlungsautomat! - waren restlos belagert von zum Teil ratlosen Kunden. Personal war viel zu wenig vorhanden und restlos überfordert.

Die Schlange wächst und wächst

Offenbar nach Beschwerden wurde das zweite Terminal wieder installiert und ein zweiter Beratungsstand aktiviert - der wiederum kaum besetzt ist. Oft sehe ich, dass die Berater(innen) mit Kundenwünschen überfordert sind und Hilfe von einem dienstälteren in Anspruch nehmen müssen. Damit ist wieder nur ein Berater verfügbar und die Schlange wächst und wächst. Immer wieder wird man darauf hingewiesen, dass man über Internet seine Bankgeschäfte abwickeln möge. D.h., man solle gefälligst seine Bankgeschäfte selbst am Computer durchführen. Nicht jeder kann das. Ganz abgesehen von den Sicherheitsrisken, die abgestritten werden, aber doch an die Öffentlichkeit gelangen. Auch in Banken gab es schon wiederholt Computerausfälle.
Viele ältere Personen können mit dem Computer nicht umgehen. Manche Kunden sind schlicht überfordert - sei es durch körperliche (Sehbehinderte) oder auch geistige Gebrechen. Immer vorausgesetzt, dass ich einen Computer, Internet oder auch nur die Möglichkeit habe, mich mit der Bank mit einer akzeptablen Geschwindigkeit zu verbinden. Wer zahlt mir mein Terminal - sprich Computer und die dazugehörige Peripherie? Leider ist es heutzutage so, dass man ohne Bankkonto nicht kreditwürdig ist. Wenn ich die Filiale besuche, habe ich nicht den Eindruck, dass ich willkommen bin. Vom Personal aus menschlich verständlich. Inzwischen wird ja kommuniziert, dass das Privatkundengeschäft ein Minus sei ...

Um auf die Frage in KONSUMENT 2/2016 zurückzukommen ("Zu wessen Vorteil?“): Der Vorteil liegt ausschließlich bei der Bank (wenn man vom ländlichen Raum absieht). Auch hier werden Filialen geschlossen und die Kunden werden gezwungen, weitgehend die Bankgeschäfte selbst über das Internet durchzuführen bzw. zu Extrakosten (weil die richtige Bank zu weit entfernt ist) Überweisungen bei Fremdinstituten durchführen zu lassen.

... zum Wutbürger werden

Der Briefträger kommt auch nur fallweise ins Haus und führt kaum mehr Bankgeschäfte durch. Wenn ich Bargeld benötige, muss ich 12 km mit dem Auto fahren - solange ich noch kann und darf. Der Kaufmann nimmt ja weder Bankomat noch eine Kreditkarte an. Aber vielleicht ändert sich das auch noch im Zuge der Belegerteilungspflicht und wir müssen unsere Einkäufe durch Überweisung bezahlen - womit wir wieder am Anfang wären ... Man kann zum Wutbürger werden!

Danke, dass Sie so manches aufzeigen und die Konsumenten in vielen Belangen informieren!
Heinz Karner

Wasser predigen, Wein trinken

Sie beschäftigen sich ausführlich damit, dass immer mehr Firmen Tätigkeiten an Kunden übertragen. Dazu zwei Aspekte:
1) Auch Sie beim KONSUMENT tun das – vermutlich so, wie die meisten Firmen um (Druck-)Kosten zu sparen. Selbstbedienung hat nicht nur Nachteile: Ihre Tabellen sind online vielleicht besser sortierbar oder werden nachträglich aktualisiert. Und wir Abonnenten sparen Geld, weil die Zeitschrift sonst wohl doppelt so dick und dann auch teurer wäre, wenn Sie nicht uns Abonnenten auf "Do it yourself“ verweisen würden. Also bitte: nicht Wein trinken und Wasser predigen! Für mich ist es akzeptabel, dass Firmen diesen Weg wählen, um Kosten zu sparen.
2) Sonderfall Banken: Ich erinnere mich an meine Zeit als Student (vor ca. 30 Jahren). Oft hatte ich wochenlang keine Ahnung, wieviel Geld am Konto ist, weil ich es nicht schaffte, während der Öffnungszeiten in meine Filiale (und nur dort gab es meine Kontoauszüge) zu kommen. Da ist mir der aktuelle Zustand lieber: Rund um die Uhr, in jeder Filiale in Österreich, von jedem Computer der Welt aus nachschauen zu können. Dh. statt ca. 30 Stunden pro Woche (8-15 Uhr abzüglich Mittagspause) an einem Ort sind die Informationen jetzt 7x24 Stunden weltweit verfügbar. Und anstellen muss ich mich auch nicht. Ich will nicht zurück zum alten System.
Robert Seifert

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Kommentare

  • Selbstbedienungskasse
    von jtmayer am 05.11.2018 um 11:06
    Ich bin nicht bereit Selbstbedienungskassen zu benutzen. Es ist vor allen für ältere Personen schlichtweg unzumutbar, und vernichtet Arbeitsplätze.
    Sollte es keine Supermärkte mit Kassenpersonal mehr geben , werden kleine
    Läden wieder interessanter.
  • Schattenarbeit: Zeitfresser
    von epo1959 am 18.06.2016 um 11:52
    Wir haben es in der Hand wie die Firmen uns behandeln, dazu ein gutes Buch von Graig Lambert mit dem Titel "Zeitfresser".